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Politische oder gesellschaftliche Ausnahmesituationen wie der Krieg in der Ukraine oder die Corona-Pandemie stellen unsere psychische Balance auf die Probe. Resilienzforscher Prof. Dr. Klaus Lieb erklärt im Interview, wie man psychische Widerstandsfähigkeit trainieren kann und was Unternehmen jetzt für ihre Belegschaften tun können.

Herr Lieb, Sie forschen zum Thema Resilienz, also über unsere „psychischen Abwehrkräfte“. Was wissen Sie darüber, wie wir in der Krise widerstandsfähig bleiben?

Zunächst einmal: Krisen sind ein Stresstest für uns alle. Deshalb gibt es die naheliegende Annahme, dass viele Menschen in außergewöhnlichen Zeiten wie diesen aus der psychischen Balance geworfen werden. Allerdings verstellt das den Blick darauf, dass die breite Mehrheit der Menschen in der Regel mit Stresssituationen gut umgehen kann. Ein resilienter Mensch wird keine großen Auffälligkeiten zeigen – und der resiliente Verlauf ist die Regel. Wir schätzen, dass mehr als 80 Prozent der Menschen grundsätzlich die Fähigkeit haben, in Krisen stabil zu bleiben. Auch wenn wir noch nicht genau wissen, was sie stabil hält. Hierfür ist die Datenlage noch zu gering. Aber es gibt erste Hinweise, wonach vor allem eine positive Neubewertung der Situation hilft. Manche Krisen bringen auch Chancen mit sich.

Untersuchungen zeigen, dass gerade Menschen mit Krisenerfahrung erstaunlich gut mit neuen Herausforderungen umgehen können. Wie erklären Sie sich das?

Das liegt an den erworbenen Ressourcen. Wir wissen, dass Menschen eher resilient sind, wenn sie im Leben schon größere Krisen überstanden haben. Denn wer einmal eine Ausnahmesituation erfolgreich bewältigt hat, kann von diesem Wissen zehren. Der Blick auf solche früheren Erfahrungen kann dann helfen. Deshalb empfehlen wir auch, sich diese Ressourcen zu vergegenwärtigen. Wenn es zum Beispiel darum geht, eine Quarantäne auszuhalten, kann die Erinnerung helfen, dass man es auch nach einer Trennung ausgehalten hat, allein zu sein. Umgekehrt wissen wir aber auch: Wer an früheren Krisen „gescheitert“ ist, hat es jetzt vermutlich schwerer.

Kann man Resilienz denn trainieren?

Grundsätzlich ist Resilienz nicht statisch und einem einfach nur in die Wiege gelegt, sondern dynamisch im Laufe des Lebens und damit auch grundsätzlich lern- und trainierbar. Wir kennen inzwischen viele Faktoren, die mit resilienten Verläufen korrelieren. Wichtig ist z. B. zu erkennen, dass man keiner Krise nur ausgeliefert ist. Es lässt sich immer direkt etwas tun. Dieses aktive Coping anstelle von Grübeln und Bedauern trägt dazu dabei, Krisen zu akzeptieren, zu gestalten und damit zu bewältigen. Auf unserer Website www.lir-mainz.de haben wir hilfreiche Informationen für einen resilienten Umgang mit Krisen zusammengestellt. Darunter sind auch hilfreiche aktuelle Informationen zu Hilfen zum Umgang mit psychischer Belastung durch den Ukraine-Krieg zu finden.

Woran merkt man, dass man resilient ist?

Resilient zu sein, heißt nicht, dass man ständig glücklich ist. Der resiliente Mensch geht nicht immer fröhlich durchs Leben, sondern zeigt natürlich auch Stressreaktionen. Er erlebt wie alle anderen auch verschiedene emotionale Zustände und Phasen. Aber: Er ist in der Lage, sich von negativen Emotionen nicht komplett vereinnahmen zu lassen. Hierzu tragen drei wesentliche Eigenschaften bei: Eine kognitive Flexibilität ermöglicht es resilienten Menschen, im Negativen auch das Positive sehen, z. B. die Chance in der Krise. Hinzu kommt ein realistischer Optimismus, der es erlaubt, ohne rosarote Brille auf die Dinge zu blicken und sich etwa von falschen Erwartungen zu trennen. Durch das Erzeugen von positiven Emotionen wiederum können resiliente Menschen sich selbst etwas Gutes tun, Stichwort Selbstfürsorge. Kurzum: Resilient ist, wer bei psychischen Belastungen wieder schnell in den Normalzustand kommt.

Blicken wir auf die Unternehmen: Was können diese tun, damit ihre Beschäftigten möglichst resilient sind?

Dazu gehört für mich zunächst eine gute Informations- und Kommunikationspolitik. Betriebe sollten ihren Mitarbeitenden erklären, was die aktuelle Krise möglicherweise für das Unternehmen bedeutet. Sie sollten transparent sein, wenn sie etwas nicht wissen oder einen festgelegten Fahrplan nicht einhalten können. Und sie sollten ihre Beschäftigten begleiten und unterstützen. Das heißt zum Beispiel zu schauen, wie es ihnen während der Krise geht. Denn nicht wenige Menschen haben Schwierigkeiten mit massiv veränderten Situationen. Hier gilt es, Kontakt zu halten und stabilisierend zu wirken. Zu guter Letzt braucht es meines Erachtens Investitionen in gute Führung. Damit sich Unternehmen so aufstellen, dass sie auch in künftigen Stresssituationen optimal reagieren können. Denn keine Krise ist die letzte Krise.

Hartmann, JGU Mainz

Prof. Dr. Klaus Lieb ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung (LIR) sowie Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz.

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