Integration gehört zum Alltag. In vielen Betrieben arbeiten heute Geflüchtete oder zugewanderte Menschen mit den unterschiedlichsten Nationalitäten. Angesichts eines Fachkräftemangels sind Unternehmen auf diese Arbeitskräfte angewiesen – sie schließen Lücken in Berufsfeldern, in denen qualifizierte Mitarbeiter*innen dringend gesucht werden. Die Zahl der Erwerbstätigen aus den Asylherkunftsländern steigt kontinuierlich an: Im Juni 2023 waren 625.300 Personen erwerbstätig, die meisten davon sozialversicherungspflichtig (536.500). Bis Dezember 2025 stieg diese Zahl auf rund 800.000 – davon 693.000 in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Damit wächst die interkulturelle Vielfalt in Betrieben und auch die Herausforderung, neue Mitarbeiter*innen optimal im Arbeitsleben zu integrieren.
Viele Unternehmen haben positive Erfahrungen gemacht und beschreiben die Mitarbeiter*innen als motiviert und kompetent. Mehr Vielfalt und gezielte Integration im Unternehmen ist bereichernd für alle, schafft Toleranz und stärkt den Zusammenhalt. Zur Realität gehören aber auch kulturell bedingte Hürden im täglichen Umgang, rechtliche Probleme oder Verständigungsschwierigkeiten. Wie arbeitet man in interkulturellen Teams gut zusammen? Wo liegen neue Herausforderungen und wo gibt es Möglichkeiten, Geflüchtete noch besser zu fördern und gleichzeitig die Chancengleichheit der gesamten Belegschaft im Blick zu behalten? Wie das gelingt, erklärt unsere INQA-Botschafterin Prof. Dr. Jutta Rump im Interview. Sie ist Gründungsdirektorin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Demografie, Diversity und HR-Management. Zudem ist sie INQA-Botschafterin.
Was sollte ich als Arbeitgeber*in einer gemischten Belegschaft generell beachten?
Eine Belegschaft ist heute diverser als noch vor einigen Jahren. Außerdem kommen viele unterschiedliche Lebensmuster zusammen. Betriebe können das hohe Potenzial und die Motivation, die dahinterstehen, am besten nutzen, wenn sie auf die Vielfalt eingehen und gleichzeitig einen allgemeinverbindlichen Rahmen schaffen, an den sich alle halten.
Wie könnte dieser Rahmen aussehen – insbesondere in Bezug auf die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund?
Neben Maßnahmen zur Sprachförderung und übergreifenden Informationen ist die kulturelle Kompetenz ganz wichtig. Das hat nichts damit zu tun, die eigene Kultur aufzugeben. Es geht eher darum, sich auf den anderen einzulassen und die Person zu unterstützen. Und es braucht persönliche Nähe. Hier kann es zum Beispiel helfen, wenn Beschäftigte mit einer Fluchtgeschichte eine Patin oder einen Paten im Unternehmen haben, die sie unterstützen. Auf dieser persönlichen Schiene sind Menschen viel offener.
Wie können Betriebe sicherstellen, dass Integrationsmaßnahmen von der gesamten Belegschaft als fair und transparent wahrgenommen werden?
Damit bei dem Rest der Belegschaft kein komisches Gefühl aufkommt, braucht es eine gute Informations- und Kommunikationspolitik im Unternehmen. Es sollte Transparenz herrschen und klar sein, was das Unternehmen davon hat, geflüchtete Menschen einzustellen, welche Vorteile die Mitarbeiter*innen davon haben und was jeder einbringen muss, damit es funktioniert. Oft hilft es auch, Teams diverser zusammenzusetzen. Dabei ist es immer Führungsaufgabe, auf Ausgewogenheit zu achten und die Weichen für die Zusammenarbeit festzulegen. Wenn man dennoch nicht weiterkommt, ist es hilfreich, einen Workshop mit den Beschäftigten zu machen, der extern moderiert wird. Und es ist immer sinnvoll, sich mit anderen Betrieben auszutauschen und zu schauen, wie diese mit dem Thema umgehen.
Welche Rolle spielen Karrieregespräche für die langfristige Integration von Geflüchteten im Unternehmen?
Es ist mit allen Mitarbeiter*innen wichtig über Karrieremöglichkeiten zu sprechen, wenn die mitgebrachten Kompetenzen den Anforderungen im Unternehmen oder auf dem Arbeitsmarkt gerecht werden, auch für die Geflüchteten. Für eine langfristige Unternehmensbindung ist es sinnvoll, Geflüchtete in die gleiche Laufbahn zu bringen wie die anderen Kolleg*innen auch. Für die Stimmung auf dem Arbeitsmarkt und in der gesamten Gesellschaft ist es wichtig, dass geflüchtete Menschen in Fach- und Führungsaufgaben kommen. Aber es setzt natürlich voraus, dass ein gewisses Potenzial da ist, auf dem man aufbauen kann.
Und wenn die mitgebrachten Qualifikationen nicht mit den Anforderungen übereinstimmen?
Wenn es Lücken in der Qualifikation gibt, ist es wichtig, zu vermitteln, dass Aus- und Weiterbildung eine Investition in die Zukunft sind. Das ist auch ein kulturelles Thema. Denn in den Herkunftsländern sind Aus- und Weiterbildung nicht immer so vorgesehen. Um sich in Deutschland selbstständig zu machen, braucht es in der Regel eine abgeschlossene Berufsausbildung und einen Meisterbrief. In manchen Bereichen kann man sich auch ohne selbstständig machen, aber grundsätzlich bestehen wir auf Formalqualifikationen.
Das Wichtigste aus dem Interview mit Prof. Dr. Jutta Rump
Allgemeine Regeln allein reichen nicht, und persönliche Unterstützung allein auch nicht. Bewährt hat sich beides gleichzeitig: ein allgemeinverbindlicher Rahmen, an den sich alle halten, kombiniert mit individueller Begleitung. Patenschaften im Unternehmen sind dafür ein wirksames Instrument, weil Menschen auf der persönlichen Schiene offener sind. Das zeigt auch das Krankenhaus Weilheim, das erfolgreich ukrainische Geflüchtete integriert hat.
Das Gefühl der Sonderbehandlung entsteht, wo Kommunikation fehlt. Wer im Team offen erklärt, warum das Unternehmen Geflüchtete einstellt und was alle davon haben, schafft Vertrauen statt Misstrauen. Führungskräfte tragen dabei eine besondere Verantwortung: Sie setzen die Weichen für das Miteinander, aktiv und sichtbar.
Geflüchtete, die Fach- und Führungsaufgaben übernehmen, sind wichtige Signale für den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft. Der Weg dorthin ist derselbe wie für alle anderen: Qualifikationen prüfen, gleiche Laufbahn ermöglichen. Fehlt eine formale Qualifikation, ist Weiterbildung die richtige Antwort als Investition in die Zukunft.