4 Minuten Lesezeit Wel­che Re­geln braucht das Ho­me­of­fi­ce? Magazin Neuigkeiten
auf Facebook teilen auf X teilen auf LinkedIn teilen auf Xing teilen
  • Millionen Beschäftigte arbeiten während der Corona-Pandemie von zu Hause aus. Nach einem Jahr wird deutlich: In manchen Unternehmen wird die Not- zur Dauerlösung.
  • Gewerkschafter und Arbeitsschützer raten, Homeoffice verbindlich für den ganzen Betrieb zu regeln.
  • Bewegung in die Debatte brachte zuletzt der Gesetzentwurf zur mobilen Arbeit. Damit soll Arbeiten von flexiblen Orten für alle Beteiligten rechtssicher gemacht werden.

Das hessische Weiterstadt ist eine Hauptstadt der Haarpflege. Mehrere hundert Mitarbeiter*innen kümmern sich im Werk des Unternehmens Wella um Shampoo, Spray und Färbemittel. Büroangestellte sollten während der Coronapandemie zu Hause arbeiten, schlug das Unternehmen vor. Der Betriebsrat fühlte sich überrumpelt und wehrte sich, Homeoffice ohne Mitbestimmung anzuordnen. „Wenn der Betriebsrat das Homeoffice aufhält“, titelte die „FAZ“. Der Fall beschäftigt Arbeitsrichter*innen und Anwält*innen, während Teile der Belegschaft im Homeoffice arbeiten – „freiwillig“, wie das Unternehmen betont.

Das Beispiel zeigt: Die neue „Normalität Homeoffice“ wirft rechtliche Fragen auf. Zugleich setzen viele Unternehmen und Millionen Beschäftigte angesichts der Corona-Pandemie auf die Arbeit von zu Hause: Jede vierte erwerbstätige Person arbeitete im Januar 2021 vorwiegend oder ausschließlich im Homeoffice, ermittelte die Hans-Böckler-Stiftung in einer Befragung. Für noch mehr Menschen wäre Homeoffice technisch möglich. Befragungen, etwa vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, deuten darauf hin, dass sogar rund die Hälfte der Beschäftigten zumindest zeitweise gut von zu Hause arbeiten könnte. Und so gaben zwei Drittel der Unternehmen in einer Befragung des ifo-Instituts an, langfristig stärker Homeoffice zu ermöglichen.

DGB sieht auch in Zukunft viel Spielraum für Homeoffice

Was also dürfen Beschäftigte erwarten und was müssen Vorgesetzte ihnen anbieten? Oliver Suchy vom Deutschen Gewerkschafts-Bund (DGB) ist Leiter der Abteilung für Digitale Arbeitswelten und selbst ein Zu-Hause-Arbeiter. Für ihn ist Homeoffice derzeit nicht eindeutig geregelt: „Es gibt noch keinen Rechtsanspruch auf Homeoffice für Beschäftigte – allerdings haben Unternehmen generell auch keine Grundlage, Homeoffice anzuordnen.“ Eine Ausnahme bilden die aktuellen Sonderregelungen der  im Januar erlassene SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung: Unternehmen und Organisationen müssen demnach Beschäftigten die Arbeit von zu Hause „im Fall von Büroarbeit oder vergleichbaren Tätigkeiten“ anbieten.

Suchy verweist auf ein generelles Problem: Homeoffice sei Alltagssprache, aber ein noch „schwammiger“ Begriff. „Regelungen wie Arbeitszeitgesetze gelten zwar unabhängig vom Arbeitsort weiter, aber ansonsten ist Homeoffice insbesondere in Abgrenzung zur normierten ‚Telearbeit‘ noch nicht geregelt“, sagt Suchy. Der Gewerkschafter sieht Regelungsbedarf vor allem hinsichtlich der Ausstattung und des Arbeitsschutzes. „Gerade im Homeoffice sehen wir schon seit langem Probleme wie Erreichbarkeitsfragen und unbezahlte Mehrarbeit.“

Arbeitsschützer sind nicht kontra Homeoffice – solange klare Vorgaben gelten

Solange Arbeitsplatz und -zeit gut gestaltet sind, spricht aus Sicht des Arbeitsschutzes grundsätzlich nichts gegen das Homeoffice. So ist Nils Backhaus von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) im „Corona-Homeoffice“ selbst auf den Geschmack gekommen. Er möchte weiter im Büro arbeiten, aber zugleich auch ein Büro zu Hause haben. Backhaus hat deshalb einen Antrag auf einen fest eingerichteten Telearbeitsplatz gestellt. Er erläutert: „Ein Telearbeitsplatz ist genau geregelt in der Arbeitsstättenverordnung. Bei der Telearbeit wird im Prinzip der Bildschirmarbeitsplatz aus dem Betrieb zu Hause nachgebaut – und dort muss er ebenso ergonomisch gestaltet sein.“

Wer im Homeoffice arbeitet, ohne explizit Telearbeit zu vereinbaren, fällt nicht unter diese Verordnung. Es gelten dann zwar bestehende Regeln zum grundsätzlichen Arbeits- und Unfallschutz sowie zu Arbeitszeiten. Doch nur Telearbeit verpflichtet Arbeitgeber*innen explizit dazu, einen Bildschirmarbeitsplatz fest einzurichten. „Kurzfristig am Laptop zu arbeiten ist okay“, sagt Backhaus. „Aber langfristig machen sich die Auswirkungen bemerkbar: eine gebeugte Haltung, eine verkümmernde Schultermuskulatur.“

Keine Vereinbarung? Dann ist schon die private Handynutzung heikel

BAuA-Experte Backhaus und DGB-Fachmann Suchy plädieren daher dafür, statt auf lockere Homeoffice-Verabredungen lieber auf klare Regeln und Vereinbarungen zu setzen. Hierzu wird eine Dienst- oder Betriebsvereinbarung geschlossen, abgestimmt mit dem Betriebsrat, um alle Details zu regeln. „Ich nutze etwa mein privates Handy auch beruflich. In der Dienstvereinbarung steht das mit drin“, erzählt Backhaus. „Jedem Arbeitgeber muss klar sein, dass damit eine erhöhte Gefährdung für Unternehmensdaten einhergeht. Und jedem Arbeitnehmer muss klar sein, dass die Sicherstellung des Datenschutzes damit zunehmend auf ihn abgewälzt wird.“ Vereinbarungen müssen daher viele Details klären: Brauchen Beschäftigte eine spezielle Virensoftware, um private Geräte für den Job nutzen zu dürfen?

Das Hauptproblem beim Homeoffice-Begriff sieht auch Backhaus in noch ungeregelten Fragen: „Menschen im Homeoffice werden unsichtbar, auch für den Arbeitsschutz.“ So komme es beim Homeoffice in der Praxis nicht nur leichter zu Überstunden, sondern auch zu verkürzten Ruhezeiten: Wer bis 23 Uhr Mails liest und um 8 Uhr schon die Kollegin anruft, hat sein Minimum von elf Stunden Ruhezeit unterschritten. „Es ist ein Paradoxon, dass viele die Autonomie im Homeoffice ausnutzen, um sich stärker mit Arbeit zu belasten“, sagt Backhaus.

Kleine Wohnung und Kinderbetreuung: Manche Beschäftigten bevorzugen klassisches Büro

Oliver Suchy ergänzt: „Die meisten Beschäftigten, die freiwillig das Homeoffice nutzen, wünschen sich einen Mix aus Homeoffice und Büroarbeit“, sagt Suchy. Beschäftigte, die ausschließlich im Homeoffice arbeiten wollen, bleiben seiner Meinung nach auch in Zukunft in der Minderheit. Auf der anderen Seite gebe es nicht wenige, denen die räumliche Trennung zwischen Beruf und Privatem wichtig sei oder die aufgrund einer zu kleinen Wohnung oder gleichzeitiger Kinderbetreuung nicht freiwillig zu Hause arbeiten möchten. Deshalb ruft Suchy die Arbeitgebenden dazu auf, nicht vorschnell Büroraum einzusparen und feste Schreibtische gänzlich abzuschaffen: „Die Arbeit im Büro darf nicht zur Reise-nach-Jerusalem werden.“ Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft droht dies aber nicht: Nur 6,4 Prozent der Unternehmen gaben Ende 2020 in einer Befragung an, Büroflächen reduzieren zu wollen.

Bewegung in die Homeoffice-Debatte brachte zuletzt ein Gesetzentwurf zur mobilen Arbeit, den Bundesarbeitsminister Hubertus Heil vorgelegt hat. Anliegen ist es, hierfür klare Regelungen zum Arbeitsschutz, Arbeitsrecht und zur Unfallversicherung zu schaffen.

Unter mobiler Arbeit verstehen die Fachleute mehr als „nur“ Homeoffice. Es geht generell um das Arbeiten an anderen oder wechselnden Orten – etwa auf Geschäftsreise in der Bahn oder im Hotel. „Bei der Ausstattung mobiler Arbeit hängt vieles vom Verhandlungsgeschick des Betriebsrats oder auch der einzelnen Arbeitnehmer*innen ab – und natürlich von den Zugeständnissen des Arbeitgebers“, sagt Nils Backhaus.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt: Homeoffice kann funktionieren. Ein Zurück zur Präsenzkultur im Büro wird es vermutlich nicht geben. So schätzt DGB-Experte Suchy als Vater einerseits die Möglichkeit, flexibel von zu Hause zu arbeiten. Er will aber keinesfalls das Büro als sozialen Raum dafür aufgeben: „Je länger ich im Homeoffice bin, desto dringender wird mein Bedürfnis, Menschen zu treffen.“

Weitere Informationen

Wie Homeoffice gestaltet sein sollte: Checkliste der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung

Von agilen Arbeitsformen bis Zukunftsfähige Arbeitskultur: das Homeoffice-ABC von INQA

Beschäftigte Betriebsräte Führungskräfte Geschäftsführung auf Facebook teilen auf X teilen auf LinkedIn teilen auf Xing teilen
Das könnte Sie auch interessieren
Führung Rei­fen­haus Re­ber: Das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men blickt in die Zu­kunft

Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men in der Au­to­mo­bil­bran­che sind stark vom Wan­del der Zeit be­trof­fen. Das Rei­fen­haus Re­ber in Murr (Ba­den-Würt­tem­berg) sieht die Ver­än­de­rung als Chan­ce, sich für die Zu­kunft auf­zu­stel­len. Das Un­ter­neh­men hat ver­stan­den, wie Fach­kräf­te-Bin­dung im Jahr 2021 funk­tio­niert: näm­lich di­gi­tal.

2 Minuten Lesezeit
Füh­rung

Er­folg­rei­ches Füh­ren: Be­trie­be sind gut auf­ge­stellt, wenn sie auf ei­ne Füh­rungs­kul­tur set­zen, die die Par­ti­zi­pa­ti­on der Be­schäf­tig­ten, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Mit­ar­bei­ter­mo­ti­va­ti­on und ei­ne ge­sun­de Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on ins Zen­trum stellt. Wie das ge­lingt, er­fah­ren Sie hier.

Zoom-Fa­tigue vor­beu­gen – mehr Le­ben in die vir­tu­el­le Ar­beit brin­gen

Vir­tu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on be­stimmt seit ei­nem Jahr den All­tag von Füh­rungs­kräf­ten und Be­schäf­tig­ten. Da­bei zeigt sich: Häu­fi­ge Vi­deo­kon­fe­ren­zen kön­nen dem Kör­per scha­den. Das Phä­no­men wird Zoom-Fa­tigue ge­nannt. Die IN­QA-Bot­schaf­te­rin und Ex­per­tin für Per­so­nal­ma­na­ge­ment Prof. Dr. Jut­ta Rump und Fran­zis­ka Stieg­ler, Lei­te­rin des IN­QA-Pro­jek­tes „Psy­chi­sche Ge­sund­heit in der Ar­beits­welt“ (psy­GA) er­klä­ren, wie sich die On­line-Mü­dig­keit auf die Ge­sund­heit aus­wirkt.

7 Minuten Lesezeit
Bleiben Sie mit uns in Verbindung

Tra­gen Sie sich in den IN­QA-Ver­tei­ler ein und wer­den Sie Teil der Pra­xis­platt­form für Ar­beits­qua­li­tät und den Wan­del der Ar­beit

Ich habe die Datenschutzbestimmungen gelesen. Über einen Link in den Benachrichtigungen der Initiative kann ich diese Funktion jederzeit deaktivieren.